Streigespräch: Emmely’s Sieg oder: „Die Kasse ist mein Leben“ – Die Gewerkschaftsikone des 21. Jahrhunderts

Im Folgenden dokumentiere ich ein Streitgespräch über den Fall der Kassiererin Barbara E. die wegen ein paar Pfandbons gekündigt werden sollte und sich dagegen gerichtlich zur wehr setzte.

Bei vonmarxlernen.de ist mittlerweile ein Kommentar zu eben diesem Thema erschienen.

Mein erster Beitrag in der Debatte:

„Siege“ bei denen man wirklich kotzen will: „„Ich wünsche mir so sehr, das ich endlich wieder meine Arbeit machen kann. Auch bei Kaiser´s.“ Ihr Wunsch ist gestern in Erfüllung gegangen.“

Mit dem Link: http://www.ksta.de/html/artikel/1273823401595.shtml

Darauf die Antwort: Man sollte sich mal klar machen, was die Arbeitslosigkeit für die Menschen bedeutet, vor allem Ältere. Arbeitssuchende haben es eben nicht leicht in diesem Staat. Erst schufftest du Jahre lang wie ein Irrer und dann kriegst du plötzlich die Kündigung und kaum schaust du dich um bist du arm. Ich kann den Wunsch irgendwie schon nachvollziehen, aber verstehe in gewisser Weise auch deine deine Kritik. Aber was wäre die Alternative?

Ich: Sich einfach nur das Feiern zu sparen. Das man kämpfen muss um hier überhaupt zurecht zu kommen ist doch sowieso klar. Daraus dann aber ein „ach wie schön ist arbeiten zu machen“ – Ekelhaft!

Eine weitere Person: ach wieso, auf sie trifft das wahrscheinlich schon zu. vielleicht ist sie zufällig ein mensch der seine arbeite mag und sie ist ja auch in die breduillie geraten, weil sie sich gewerkschaftlich engagiert hat und für bessere arbeitsbedingungen gekämpft hat. ich finde das kann mensch schon feiern, wenn so eine kündigung wegen engagement als unrechtmäßig erklärt wird. ich hoffe sie engagiert sich trotz allem weiter. solche enagierten arbeiter_innen bräuchten wir viel mehr.

mit den aussagen will ich natürlich nicht daran zweifeln, dass viele in einem job arbeiten der ihnnen nicht gefällt oder wo ihnen die bedingungen zu schaffen machen und dass viele sinnlose arbeit leisten, die nicht nötig wäre und dass es garnicht genug sinnvolle/sinnlose jobs für alle arbeitsfähigen in deutschland geben kann.
dieses system befindet sich wahrscheinlich in einem umbruch, ähnlich wie damals nach einigen jahrzehnten industrieller revolution wo die arbeiter sich bessere arbeitsbedingungen und absicherungen erkämpft haben. wir leben heute in einer zeit wo nur wenige arbeiten müssen um die versogung mit unseren grundbedürfnissen zu gewährleisten….

[Im Folgenden kursiv die weitere Person; regular ich]

Das sie ihre „Arbeit mag“ ist freilich unwahrscheinlich (8 Stunden Zeug über nen Scanner ziehen, wen flasht das schon?) bleibt ihr natürlich aber unbenommen – darum geht es bei ihrer Freunde doch aber eigentlich auch nicht wirklich. Sondern darum dass sie endlich wieder an Kohle kommt um sich mit den Sachen des täglichen Bedarfs zu versorgen.

Das sie allerdings nachdem sie a) feststellt das ein Arbeitsplatz offenbar nicht ihr schönes zu Hause ist sondern, dass sie sich da b) zu 110% (0,80€ Verlust? Untragbar!) für einen Arbeitgeber (so heißt das hier ja wohl) lohnen muss, also c) ihre Angewiesenheit auf ein Einkommen den der sie da hinsetzt einen Scheiß interessiert – noch losläuft und allen erzählt wie toll es doch ist wieder in dieses Hamsterrad zurück zu dürfen, das kotzt mich einfach an.

Statt mal einen Moment inne zu halten und sich mal zu fragen: Warum ist das hier eigentlich so scheiße und kommt auf mich nicht an?

Das die Frau einen Arbeitsplatz braucht, weil ihr hier alle anderen Möglichkeiten sich zu reproduzieren gewaltsam versperrt sind – das ist mir auch klar. Das zwingt aber niemanden dazu dieses besschissene Verhältnis dann noch öffentlich zu feiern, dazu ja zu sagen, darüber ein Buch zu schreiben, sich als Heldin zu feiern und damit durch die Republik zu ziehen. Himmel noch eins.

Das ist sie; Die Gewerkschaftsikone des 21. Jahrhunderts: Ich will arbeiten, gerne um und zu jedem / jeden Preis.

**

Zu

“ wir leben heute in einer zeit wo nur wenige arbeiten müssen um die versogung mit unseren grundbedürfnissen zu gewährleisten…“

Ja, es stimmt. Die Produktionsmittel, die der Kapitalismus hervorgebracht hat (Die Maschinen, Computer, Automaten,…) wären für sich genommen in der Lage die Leute mit einem sehr umfangreichen und schönen Konsum auszustatten.

In einer Marktwirtschaft ist das allerdings nicht vorgesehen und kommt auch nie und nimmer in die Tüte: Hier sind Produktionsmittel ein mittel für den Profit: Mehr Produkt raushauen, weniger Leute beschäftigen.

So wird zwar immer mehr schickes Produkt produziert – aber eben auch immer mehr Leute rausgeworfen: und die können sich den Kram eben überhaupt nicht mehr leisten, wie jede_r HarzIV-Empfänger_in bestätigen kann. Dafür, dass sich die technische Innovation für die Kapitale weiterhin und für die Leute sich nicht lohnen wird, wird der Staat ganz sicher auch in Zukunft sorge tragen. Von wegen Umbruch.

wie gesagt sie mag vielleicht ihre arbeit aber anscheinden nicht die bedingungen sonst wäre sie nicht gewerkschaftlich engagiert…

aber warum sie freudig zurück zur scheiß-arbeit geht:
kann vielleicht ein zitat aus erich fromms „furcht vor der freiheit“ erklären
„c) Flucht ins Konformistische
[…]
Wer sein selbst aufgibt und zu einem Automaten wird, der mit Millionen anderer Automaten in seiner Umgebung identisch ist, fühlt sich nicht mehr allein und braucht deshalb keine Angst mehr zu haben. Aber der Preis, den er dafür zahlen muss, ist hoch, es ist der Verlust seiner selbst. […] „

schließlich ist sie schon jahrzehnte so ein automat. na gut ein automat der ab und zu menschlich wurde und für bessere arbeitsbedingungen eingetreten ist….
mit dem kampf für bessere arbeitsbedingungen kann der Anfang für eine schönere welt beginnen…
aber mal schauen, vielleicht traut sie sich nach der tortur auch nichts mehr und bleibt jezt brav und ruhig bis zur rente, das wäre schade…

1. Die Arbeit von den Bedigungen zu trennen ist ein Fehler. Den Arbeitsplatz gibt es nur als lohnende Tätigkeit für den sogenannten Arbeitgeber – und das ist in den seltensten Fällen besonders angenehm.

2. *DIESER* Kampf für bessere Arbeitsbedingungen, der sich schon zu 100% hat einleuchten lassen: JA, ich will Lohnarbeiterin bleiben – Das ist mein Leben, mein Schicksal so soll es sein. Und nur das (also das Arbeitsverhältis) soll dann aber auch eben als mein Mittel zum Lebensunterhalt taugen. Also wer sagt: Von meiner (Lohn)Arbeit will ich leben können – will ich aber auch leben. Der kommt nie dahin zu sagen: Scheiß Lohnarbeit: Ich such mir andere Leute und dann nehmen wir das mit der Reproduktion selbst in die Hand. Und somit ist das eben kein Auftakt in eine „schönere Welt“ sondern konformistische, sich dem Herrschenden anbiederder Scheiß…

Zu dem Zitat: Sie gibt doch überhaupt ihr „selbst“ nicht auf oder so Zeug. Ganz im Gegenteil ist es doch ihr blöder willentlicher Schluss zu sagen: Wenn ich dem Unterworfen bin und das das einzige ist was die mir hier lassen, dann ist das kein Argument gegen das „hier“ sondern dann will ich das auch als mein Mittel betrachten.

Das geht ja nicht an ihrem Bewusstsein vorbei, dieser Schluss – der mag ja noch so blöd sein: gemacht werden muss der (am besten natürlich nicht) schon von jedem selbst.

Und aus Jahrzehnten der Schinderei darauf zu kommen: „Ja das ist was gutes wo ich noch *dafür* kämpfe (und zwar nicht nur Praktisch als arbeitsplatz, sondern proklamierter maßen auch als ihre ideeles Recht als Mensch)“ ist doch keine Notwendigkeit: Man könnte ja auch dazu kommen zu sagen: Jetzt reichts aber endgültig!

ja stimmt, wenn die entwicklung der person beim versuch die arbeitsbedingungen zu verbessern stehen bleibt. die meisten werden schon mit der zeit merken, dass das eigentlich nicht ausreicht und wenn es wirklich für alle und für einen selbst besser werden soll, mehr verändert werden müsste.
ist jeden falls der syndikalistische ansatz den ich für ein wichtiges standbein für veränderung zu einer besseren welt halte, denn er beschäftigt sich mit den arbeiter_innen nimmt kontakt mit ihnen auf versucht sie weiter zu bilden und da kann mensch nicht gleich mit weltrevolution kommen sondern muss erstmal die menschen dort abholen wo sie sich gerade befinden…

Nehmen wir mal an die Linken, die die Leute seit Jahrzehnten die Leute immer „da abholen wo sie stehen“, also mit ihnen Antifaschismus, Menschenrechtskampf und sonst was machen, wüssten wirklich das diese Kämpfe (für Rechte usw.) unter dem Aspekt des Ziels: Der Kapitalismus soll weg – blanker unsinn sind. Was für eine Bilanz müssten die denn ziehen?

mein ernst: Horden von linken Moralpriestern, Menschenrechtsaktivisten, usw. laufen rum – ohne eine vernünftige Kritik an der Marktwirtschaft, dem Staat und dem ganzen Kram.

Wer will das die Leute sich dagegen richtigen kommt nicht darum ihnen zu erzählen warum sie dagegen sein sollen. Alles andere ist heuchelei und funktioniert sowieso nicht.

naja dieser sprung ins jetzt reichts aber endgültig ist einer ins ungewisse, ist der schwierigere, da ist es einfacher zu sagen ich gehe wieder in meine gewohnte (scheiß-)Arbeitsstelle.

Ach das muss man doch so wie so. Es gibt ja eben gar keine praktische alternative an die Sachen zu kommen, die man so braucht. Das meine ich mit der praktischen Notwendigkeit der Lohnarbeit nachzugehen. Und sich das zu organisieren um die eigene Existenz zu sichern ist ja auch nicht falsch, weil es ja auch gar nicht anders geht.

Aber wenn man sich so dazu stellt: Ich bin dazu gezwungen und das ist ein scheiß, stünde doch statt einer Feier der Lohnarbeit an – zu sagen: „So: und nach der Arbeit schaue ich mir an was eigentlich der Grund dafür ist das es für mich und so viele andere hier so scheiße läuft, was sich da Leute für Gedanken und Theorien zu gemacht haben, etc. Und dann verbreite ich die, überzeuge Leute, damit wir mehr werden und den scheiß abschaffen können“ – das machen sie immer nicht. Stattdessen: Sowas wie oben.

Warum muss man dann immer das, zu dem man gezwungen ist noch gut finden?

das lässt sich wohl dann für die meisten einfacher ertragen. fällt ihnen wohl schwer das was sie machen müssen gleichzeitig zu kritisieren und verbessern zu wollen. schön reden hilft ihnen ein bisschen, weil sie nicht wissen wie sie wirklich dagegen vorgehen können.

aber vielleicht hat sie auch noch andere sachen gesagt und die presse hat sich mal wieder nur das beste rausgesucht das kann auch sein..

1. Wirklich einfacher macht es das doch nicht. Die Arbeit bleibt genauso scheiße – egal was man sich dazu denkt. Und man hat noch die ganze Arbeit sich den ganzen scheiß gedanklich irgendwie so hin zu schustern das man’s gut findet 😉

2. Ich denke das wird schon ihre Postion sein: Das passt einfach wie faust aufs Auge zu den aktuellen Gewerkschaftpositionen (Arbeit, Arbeit, Arbeit) – und die haben sie ja auch durch die Republik von Bühne zu Podium gescheucht. Das hätten die mit einer Links-Abweichlerin sicher nicht angestellt.

zu 1. jo da hast du recht, ist paradox zu der erkenntnis müssen sie aber erstmal selbst, am besten durch hilfe kommen

2. also ich glaube in dem solidaritäts-kommite emmely da sind fast nur leute drin wie du dir sie wünscht (einge von der FAU), die haben es angeschoben und als es dann erfolg hatte haben sich natürlich auch die zentralgewerkschaften wieder für emmely interessiert, vorher war sie ihnen scheiß-egal

von denen weiß ich nichts. Wenn es dir passt würde ich unser Streitgespräch hier beenden und für andere Interessierte  in meinem Blog veröffentlichen – interessiert ja sicher auch noch andere.

Fortsetzung hier gerne erbeten.

2 Antworten zu “Streigespräch: Emmely’s Sieg oder: „Die Kasse ist mein Leben“ – Die Gewerkschaftsikone des 21. Jahrhunderts

  1. Pingback: Zu Emmely: „Warum muss man dann immer das, zu dem man gezwungen ist noch gut finden?“ « Walgesang

  2. Kurz nach dir hatte man auch an anderer Stelle was zum Thema geschrieben:
    http://rockstar.blogsport.de/2010/06/22/der-fall-emmely/

    Dort sogar mit anhängender Diskussion.

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