Allgemeiner Wohlstand? – Anmerkungen zu Adam Smith‘ Hauptwerk

Hier findet ihr ein paar Gedanken die ich mir zu Adam Smith‘ Der Wohlstand der Nationen gemacht habe. Es handelt sich um eine aufgehübschte Fassung eines Textes den ich für die Uni fabrinziert habe, dabei beziehe ich mich in diesem Text nur auf die Kapitel die im Text genannt werden.

Erstes Kapitel: Die Arbeitsteilung.
Arbeit und Produktivkraftsteigerung
Smith‘ Darstellung hält die technische Seite der Arbeitsteilung und die spezifische Einbindung, der beschriebenen technisch-organisatorischen Fortschritte in den bestimmten Typ Gesellschaft, mit der er es zu tun hat nicht auseinander. Er erklärt anschaulich, wie Arbeitsteilung die Produktivität der menschlichen Arbeit steigert, begeht dann aber eine Reihe, nicht ganz unzweckmäßiger Verwechselungen, wenn es darum geht, die Bedeutung dieser Entwicklungen für die Arbeitenden zu klären.
Anders als Adam Smith hält der Autor dieser Zeilen die Bemerkung, Maschinen erleichtern die Arbeit, nicht für „ohne Weiteres ein[leuchtend]“ (vgl. Smith, S.13). Verrät doch ein Blick in den Arbeitsalltag in dieser Gesellschaft sofort: Der Einsatz einer produktivitätserhöhenden Maschine in einem Betrieb verkürzt nicht der Arbeitstag der Beschäftigten, vielmehr ist festzustellen, dass einige Lohnabhängige entlassen werden, der Rest weiter die vertraglich festgelegte Arbeitszeit ableistet – und das nicht trotz, sondern wegen des höheren „Outputs“.1

Diese Aussage von Smith über die Maschine ist also von der technischen Seite her unzweifelhaft: Habe ich den Zweck eine bestimmte Menge Produkt herzustellen, wird mir das mit einer entsprechenden Maschine schneller und leichter gelingen. Diese Seite ist aber nicht zu verwechseln mit der gesellschaftlichen Anwendung der Produktivkräfte: Herrscht ein anderer Zweck, ergeben sich auch andere Ergebnisse aus dem Gebrauch bzw. Einsatz von Maschinerie (vgl. Marx, S.454). Ein erster Hinweis darauf findet sich bei Smith selbst: Er lobt die Maschine dafür, dass sie dem Arbeiter austreibt, „gemächlich und lässig-nachlässig“ (Smith, S.13) seiner Tätigkeit nachzugehen. Wenn dies also eine Bestimmung der Maschine ist – mehr Arbeitskraft aus den Leuten zu quetschen – kann sie sich nicht zugleich dadurch auszeichnen, den Arbeitenden zu entlasten.
Die Maschine ist ein Mittel für den Gewinn. Sie wir vom Unternehmen eingesetzt um (Lohn-)Kosten zu sparen und so besser in der Konkurrenz zu bestehen. Der Unternehmer kann mehr Waren in weniger Zeit produzieren lassen. Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten, die in der Realität meist kombiniert vorkommen. Zum einen können die gesunkenen Kosten auf den Verkaufspreis umgelegt und so der Konkurrenz Marktanteile streitig gemacht werden – oder die Menge der ausgestoßenen Produkte wird nicht erhöht und das Unternehmen verschafft sich einen Kostenvorteil in dem Es sich den Rest der Arbeiter (respektive ihre Lohnkosten) spart. So folgt also in dieser Wirtschaftsweise aus technischer Modernisierung für die Arbeitenden zweierlei. Zum einen Entlassung und Arbeitslosigkeit; für die verbliebenen Arbeiter die gleiche Menge Arbeit, dazu gibt die neue Maschine Arbeitsrhythmus und Geschwindigkeit vor und holt das Maximum aus ihm heraus. Trägheit und Schwerfälligkeit (vgl. Smith, S.13) werden dem Arbeiter ausgetrieben, zu seinem Nutzen gerät die Modernisierung also in dieser Wirtschaft nicht.

So mutet dann auch das Beispiel, welches Smith für den Vorteil der Arbeiter aus der Produktivkraftsteigerung nennt absurd an: Ein Kind möchte lieber Spielen als an der Maschine die Hebel zu bedienen und denkt sich eine technische Verbessrung aus – es macht seinen eigenen Arbeitsplatz (vgl. Smith, S.14) überflüssig um mit seinen Freunden zu spielen – die Frage wie das Kind nun in Zukunft etwas zu Beißen bekommt, wird nicht beantwortet.
Produktivitätszuwachs + gute Regierung = allgemeiner Wohlstand
Den oben kurz skizzierten Gegensatz zwischen einem Gewinn auf Unternehmerseite und einem auf die Gesamtheit der Lohnabhängigen betratet hohen Lohn auf der anderen Seite will Smith nicht gelten lassen. Um darauf bestehen zu können, dass sich Produktivkraftsteigerungen auch für die Arbeitenden auszahlen bedient sich Smith eines „Tricks“.
„Und dieses ungeheure Anwachsen der Produktion […], führt in einem gut regierten Staat zu allgemeinem Wohlstand, der selbst in den untersten Schichten der Bevölkerung spürbar wird.“ (Smith, S.14)
Zum einen gesteht Smith hier ein, dass die von ihm dargestellte Produktionsweise keineswegs aus sich heraus Wohlstand für die Masse der Arbeitenden bereithält.  Vielmehr bedarf Eingriffe– durch den Staat und seine Institutionen – um den von Smith angestrebten Zustand zu erreichen. Zweitens schafft er hier eine „Hintertür“ in seiner Argumentation: Verweist jemand auf die herrschende Wirtschaftsordnung als Wurzel von z.B. Armut kann man ihn mit Smith jederzeit darauf verweisen, dass es eben an der schlechten Regierung liege, schließlich käme es „in einem gut regierten Staat“ zu „allgemeinem Wohlstand“.
(Exkurs: Die Gesellschaft als Abweichung von sich selbst
Diese Methode der „Kritik“, der hier Tür und Tor geöffnet wird hat Smith nicht erfunden und dennoch möchte ich kurz darauf eingehen, da sie bis heute Kontinuität hat. Es ist die Art der Kritik, die die für die eigenen Interessen schädlichen Auswirkungen der Gesellschaft immer als „eigentlich nicht nötig“ und damit die real existierende Gesellschaft als eine Abweichung von sich selbst konstruiert.
Das Ganze lässt sich gut exemplifizieren an den Sätzen „Nur wegen des Profits verschmutzen die Unternehmen die Umwelt“ bzw. „Wegen des Profits verschmutzen die Unternehmen die Umwelt“. Währende derjenige der den ersten Satz spricht zumeist eine Abweichung, der Gesellschaft von ihrem „eigentlichen“, guten, in unserem Beispiel umweltfreundlichen Wesen beklagt, benennt der zweite Satz schlicht einen Grund. Die beiden Sätze unterscheiden sich also fundamental: Der Abgleich der Welt mit seinen persönlichen Idealen ist das eine, etwas anderes ist die sachliche Erklärung der Zwecke und Kalkulationen die einem Interesse (z.B. an einer sauberen Umwelt) entgegenstehen.)
Smith bestimmt also an dieser Stelle „gute Regierung“ nicht anders, als das Sie die Art der Regierung ist, die allgemeinen Wohlstand hervorbringt. Statt also zu untersuchen, welche Zwecke Staaten mit ihren jeweiligen Entscheidungen verfolgen, trägt er den Maßstab des allgemeinen Wohlstands an den Staat heran. Somit resultiert sein implizites Lob aus seinem Ideal von einem guten Gemeinwesen.
Der nächste Abschnitt steht dafür, dass Smith sich große Mühe geben muss die Umsetzung seines Ideals in der Wirklichkeit vorfindlich zu machen. Statt einfach auf den stofflichen Reichtum oder das angenehme Leben der „Gewöhnlichen Handwerk[er] oder Tagelöhn[er]“ als Ausdruck des „allgemeinen Wohlstands“ (Smith, S.14) zu verweisen, sollen in seiner Darstellung die Zahl der beteiligten Arbeiter sowie der Vergleich mit anderen Weltgegenden, deren Gute Stellung bebildern. Weder das eine, noch das andere ist dazu geeignet: Die Zahl Arbeiter, die an der Produktion eines Gutes beteiligt sind, ist in keiner Weise in ein Verhältnis zu bringen zur „grob[heit] oder anspruchslos[igkeit]“ (Smith, S.15) des Bedürfnisses, das damit befriedigt wird.2 Die Darstellung des Besitzes der breiten Masse taugt also einzig zur euphemistischen Vorfindlichmachung des s.g. Wohlstandes.
Ähnliches gilt für den Vergleich mit anderen Weltgegenden: Einen Grund, warum ein Vergleich des Arbeitslohns mit afrikanischen Verhältnissen klüger, als der mit europäischen Fürsten ist, nennt Smith nicht. Zur Bestimmung der Sache, ist sein Verfahren für unbrauchbar: Ein Vergleich ist eben keine Bestimmung des Wesens einer Sache, sondern nur die Angabe einer Relation zu einer anderen Sache. „Höher als in Afrika“ ist keine korrekte Antwort auf die Frage, was der Lohn in Europa sei.
Zweites Kapitel: Das Prinzip, das der Arbeitsteilung zugrunde liegt
Der Mensch, das tauschende Wesen
Das zweite Kapitel leitet Smith mit einem psychologischen Axiom ein: Arbeitsteilung sei nicht „das Ergebnis menschlicher Erkenntnis“ sondern erwachsen „aus einer natürlichen Neigung des Menschen, zu handeln und Dinge gegeneinander auszutauschen“ (Smith, S.16). Alternativ bietet er die Erklärung des Tausches als „notwendige Folge der menschlichen Fähigkeit denken und Sprechen zu können“3 an.
Dadurch, dass Smith in der einen wie der anderen Erklärung kategorisch ausschließt, das der Grund des Tauschens „in den subjektiven Absichten oder Beweggründen der handelnden Subjekte liegt.“ (vgl. Krölls, S.21) konstruiert er den menschlichen Willen als bedingt bzw. determiniert.
„[E]in Wille, der sich seine Zwecke unbewusst vorgeben lässt [ist] kein Wille “ (Krölls, S.21), da er sich als Wille gerade durch das Erkennen der Welt und das Setzen von Zwecken auszeichnet.
Radikal zu Ende gedacht ist Smith‘ einleitende Bemerkung, Arbeitsteilung sei nicht „das Ergebnis menschlicher Erkenntnis“ also quasi überflüssig. Ist der Wille determiniert, existiert er nicht, somit würde auch die Rede von „streben“ und „Erkenntnis“ (vgl. Smith, S.16) nichtig; die menschlichen Gedanken und Handlungen gingen darin auf, das Produkt der Umstände zu sein.4
Diese psychologisch-deterministische Deutung des Tausches rückt die nachfolgende Charakterisierung einer Gesellschaft von Warenbesitz und Privateigentum in ein neues Licht:  Die existierende Gesellschaft ist nicht mehr vorrangig gekennzeichnet, durch ihre Zwecke und Zwänge, sondern verdient das Lob, unmittelbar dem Wesen des Menschen gerecht zu werden.
Aus seinem Axiom leitet Smith ab, es gäbe ausschließlich die Alternativen entweder Subsistenzwirtschaft oder Tauschwirtschaft. „Ohne die Neigung […] zum Tauschen […] müßte jeder selbst für alle Dinge sorgen, die er zum Leben […] haben möchte“ (Smith, S.16). Die antropologische Setzung wird also insofern nutzbar gemacht, als das nun behauptet werden kann, das ihr Wesen es den Menschen verbietet, ohne Tausch von der Arbeitsteilung zu profitieren.

Achtes Kapitel: Der Lohn der Arbeit
Revision der Harmonie?
Der Einstieg in Kapitel acht, liest sich wie eine implizite Revision der letzten These des dritten Kapitels. Hier hatte Smith noch ein konstruktives Zusammenwirken zum größtmöglichen Wohl der Marktteilnehmer behauptet:
„Die weithin verbreitete Neigung zum Handeln und Tauschen erlaubt es ihnen, die Erträge jeglicher Begabung gleichsam zu einem gemeinsamen Fonds zu vereinen, von dem jeder nach seinem Bedarf das kaufen kann, was wiederum andere auf Grund ihres Talents hergestellt haben [Herf. d. Verf.].“ (Smith, S.19).
In diesem Abschnitt der Darstellung beschreibt er hingegen, inwieweit die Ansprüche von Grundeigentümern bzw. Unternehmer die Mittel der Bedürfnisbefriedigung der Arbeiter beschneiden, wie sich also die Notwendigkeit die Güter zu kaufen als Ausschluss von den Mitteln der Bedürfnisbefriedigung geltend macht. Lohn und Preis bilden also eine Schranke, die kategorisch ausschließt, dass „jeder nach seinem Bedarf“ einkaufen kann: Die Bedürfnisse haben sich am knappen Geldbeutel zu relativieren.
Weiterhin ist die Kalkulation mit dem Lohn als Kostenfaktor in der Gewinnrechnung der Unternehmen der Ausgangspunkt dafür, dass sich der Lohn im Bereich des „offensichtlich niedrigsten Satz[es], der eben noch“ mit Smith‘ „Vorstellung von Humanität“ (Smith, S.60) vereinbar ist, bewegt.
Auch der Streik, der Umstand, dass die Arbeiter die Reichtumsproduktion nicht etwa steigern, sondern unterbrechen müssen, um in größerem Umfang an ihr zu partizipieren, ist Smith bekannt. Mit dem Bild eines gemeinsam gespeisten Fonds zum Wohle aller, scheint mir dies wenig vereinbar.  Überhaupt ist es ein ungemütliches Bild, das er von der Marktwirtschaft aufzeigt: Absprachen, Gewalt, Polizeieinsätze, Beleidigungen etc.
Rettung der Harmonie dank Wachstum?
„Lohnfonds“: Neue Arbeitsplätze sollen dadurch entstehen, dass Gewinne bzw. Überschüsse dazu führen, dass Geldbesitzer im eigenen Interesse Arbeiter einstellen (vgl. Smith, S.60). Abgesehen davon, dass dies den Widerspruch zwischen Gewinn und Lohn nicht annulieren würde (beschissen bezahlt ist besser als nicht bezahl ist aber immer noch kein gutes Leben), vernachlässigt diese Sicht der Dinge, dass das Interesse, mehr Eigentumszuwachs aus der Arbeit der Beschäftigten, auch auf anderem Wege als mit mehr Arbeitern zu realisieren ist: durch die Steigerung der Produktivität der vorhandenen Arbeiter mit Werkzeugen und Maschinen. Eine Gesetzmäßigkeit des Typs: „Vergrößert sich [der] Überschuss, wird […] natürlich mehr Personal“ (vgl. Smith, S.60) eingestellt, existiert also nicht, vielmehr ist eine bestimmte Größe von Überschuss die Voraussetzung um eine technische Rationalisierung mit anschließender Entlassung betreiben zu können (vgl. Marx, S.650ff).
Letzten Endes holt Smith seine Ausgangsfeststellung des Lohnkapitels – „[…] vor der Landnahme und der Ansammlung von Kapital, gehört dem Arbeiter der ganze Ertrag der Arbeit.“ – nicht wieder zugunsten der Marktwirtschaft ein. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der Wachstum immer notwendige, aber nie hinreichende Bedingung der Versorgung der Menschen ist, in der also der Wohlstand der Nation nicht identisch mit dem Wohlstand ihrer Insassen ist. Wie oben gezeigt werden sollte, besteht ganz im Gegenteil ein notwendiger Gegensatz zum Wohlstand des Einzelnen, welcher also schlicht kein Grund zur Zustimmung zu dieser Art gesellschaftlichen Produzierens hat.


Literatur

Krölls, Albert(2006): Kritik der Psychologie. Das moderne Opium des Volkes. Erweiterte Neuauflage. VSA-Verlag: Hamburg.

Marx, Karl/Engels, Friedrich(1890): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dietz Verlag: Berlin.

Smith, Adam(1789): Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Aus dem Englischen übertragen von Horst Klaus Rectenwald(1978). Deutscher Taschenbuchverlag: München. 9-23, 56-61

  1. Zur weitergehenden Aufklärung der Folgen von Rationalisierungen im Kapitalismus sei auf das [nicht-antideutsche ] „Gedicht“ „Die Verbesserung“ im Blog „Ofenschlot“ verwiesen: http://ofenschlot.blogsport.de/2010/12/10/krisen-prosa/ []
  2. Der größte Luxus kann von einem einzigen Goldschmied gefertigt werden, während das industriell gefertigte Brot vielleicht durch 200 Paar Hände geht – so what? []
  3. Wie nun „Denken und Sprechen“ anders als mit den „Ergebnis(en) menschlicher Erkenntnis“ betrieben werden sollen, bleibt das Geheimnis von Smith []
  4. Siehe dazu auch http://www.gegenstandpunkt.com/mszarx/paed/arg/p2-anum.htm []

Eine Antwort zu “Allgemeiner Wohlstand? – Anmerkungen zu Adam Smith‘ Hauptwerk

  1. Dass der Wohlstand einer Nation nichts mit dem Wohlstand ihrer Bewohner zu tun haben muss, zeigen etliche Beispiele aus der gegenwärtigen Welt-Situation. Aber auch ein Blick zurück – weit zurück – zeigt, dass diese These schon immer gestimmt hat. Nehmen wir doch mal die alten Ägypter. Grabfunde zeigen, welche Reichtümer dieses Land besessen haben muss. Aber man weiß ja, dass es dem Volk alles andere als gut ging. Das Gold und andere Reichtümer waren im Besitz der Pharaonen, die nichts Besseres damit anzufangen wussten, als es sich in ihre Gräber legen zu lassen.

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