Bournoutgeschwätz: Uta Glaubnitz

Freue mich einen Gastbeitrag veröffentlichen zu können. Der Text bezieht sich auf: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,797368,00.html

 

„Nicht jedes Leistungstief ist auch ein Burnout. Das B-Wort ist ein Modebegriff geworden – und dient vielen als willkommene Entschuldigung für Selbstmitleid, meint die Berufsberaterin Uta Glaubitz. Wirksames Gegenmittel: Sehen Sie sich nach einem Job um, mit dem Sie glücklich werden.“

 

Solche Artikel machen mich wütend.

 

„Eine ordentliche Analyse aber beginnt immer bei einem selbst: Was ist mein eigener Anteil an der Sache?“

 

Ja. Was denn? Den ganzen Tag auf der Arbeit verbringen, sich abstressen, am Ende keine Freizeit haben und der Ertrag der Arbeit ist auch lächerlich gemessen am materiellen Reichtum, den es gibt, der aber privat angeeignet wird.

 

„Dabei gehört die Arbeit seit jeher zum Menschsein dazu.“

 

Ja? Sicherlich. Aber dass Leute durch ihre Arbeit immer mehr kaputt gehen. Das gab es schon immer? Und das obwohl die Arbeit so dermaßen produktiv geworden ist? Den Stress, den die heutige Arbeit bringt, kannte nicht mal der Steinzeitmensch. Klar, der hat nicht Dinge wie heute produziert. Dafür fehlten ihm die Mittel. Aber heute sind sie da und das Reich der Notwendigkeit wird trotzdem nicht weniger.

 

Unzufrieden damit? Ja. Dann stell deine Ansprüche nicht so hoch. Als würden Leute, die unter Leistungsdruck leiden, sich diesen Druck selbst aufhalsen. Als wären es nicht Ansprüche, die an einen gestellt werden, denen man einfach nicht gerecht wird oder werden kann. Diese Ansprüche sollen sich aber nicht ändern. Wenn man das nicht gebacken bekommt, soll man sich einen anderen Job suchen. So als könnte man sich den Job aussuchen, der einem am wenigsten Leistung abverlangt.

 

In jedem modernen Beruf wird so viel Leistung wie geht verlangt. Das liegt aber nicht an dem Lauf der Zeit, dass das so ist und vom Himmel fällt, sondern die Eigenart einer ganz spezifischen Produktionsweise, bei der gar keine zweckmäßige und den Bedürfnissen gerecht werdende Absprache über die Produktion gemacht wird. Im Kapitalismus werden die Resultate der Arbeit von den Produzenten getrennt und diese von denen, die arbeiten lassen, privat angeeignet. Somit ist die Arbeit im Dienst derjenigen, deren Eigentum damit vermehrt wird. Als solche gilt sie als Kostenfaktor, weil der Lohn immer Abzug vom Gewinn ist, um den es jedem Unternehmen geht. Mit der Lohnzahlung ist aber gar nicht garantiert, dass ein Überschuss herauskommt. Mit dem Lohn verschafft sich ein Unternehmen also das Kommando über die Arbeit und sorgt dafür, dass die Arbeit intensiv stattfindet, dass jede Arbeitsminute gearbeitet und sich nicht ausgeruht wird. Und das 8 Stunden und länger am Tag. Danach ist man einfach kaputt.

 

„Oft wird die Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt mit Arbeit zu verdienen, als belastend dargestellt.“

 

Und wenn Arbeit so stattfindet, dann ist sie eine einzige Belastung, weil sie gar nicht zum Zweck derer veranstaltet wird, die arbeiten und von dieser auch was haben wollen:

 

„Das Erste, womit sich jedes Lebewesen beschäftigt, ist, Nahrung herbeizuschaffen.“

 

Diesen Anspruch stellt jeder an seine Arbeit. Dass sie seinen Bedürfnissen dient.

 

„Schön, wenn man dabei nicht alles selbst machen muss.“

 

Ja. Wenn man sich die Arbeit teilt, wird die Arbeit ergiebiger und wäre damit auch für alle zum Vorteil, wenn die Produktion und Befriedigung der Bedürfnisse ein gemeinschaftliches Anliegen wäre. Ja, wenn es nur so wäre. So findet Arbeitsteilung aber auch gar nicht statt, weshalb so ein Satz ziemlicher Blödsinn ist:

 

„Man geht arbeiten, verdient Geld und bezahlt dann den Biobauern dafür, Gemüse anzupflanzen und die Polizei dafür, den Acker zu bewachen.“

 

Wenn die Arbeitsteilung so ein Segen ist für alle, warum rückt der Bauer sein Zeug nur gegen Geld raus, warum nutzt er die Angewiesenheit auf Lebensmittel dafür aus ein Geschäft damit zu machen. Warum produzieren alle in Konkurrenz zueinander und ziehen Produktionen auf, um mit ihrer Arbeit gegen den anderen erfolgreich zu sein. Ein zweckmäßiger Bezug der Produzenten aufeinander gibt es gar nicht. Sie teilen sich die Arbeit gar nicht nach Absprache auf, um den Aufwand zu minimieren, sondern versuchen möglichst viel (rentable) Arbeit anwenden zu lassen, um Marktanteile zu erobern. Das, was jeder andere auch versucht, der produziert. Der Erfolg der einen ist dabei der Misserfolg der anderen. Der Arbeitsaufwand der Letzteren war damit umsonst, weil er sich nicht in Geld verwandelt hat. Und weil alles Produzierte und die Mittel zum Produzieren Eigentum sind, ist man von allem Reichtum, den es gibt und auf den man angewiesen ist, ausgeschlossen, wenn man nicht über das nötige Geld verfügt, welches den Eigentümer dazu bewegt die Dinge, die andere benötigen, rauszurücken. Ob man an Geld kommt, ist so eine fragwürdige Angelegenheit. Das gibt es nur, wenn man zu den Bedingungen produzieren kann, die die Konkurrenz am Markt setzt. Dafür benötigt man Mittel, die nicht jeder hat und dadurch nicht in der Lage ist konkurrenzfähig zu produzieren. Individueller Aufwand zählt da nicht, wenn man seine Waren nicht verkaufen kann. Und auch wer überhaupt von Produktionsmitteln ausgeschlossen ist und als Eigentum nichts anderes übrig bleibt als das eigene Arbeitsvermögen, dann ist auch da der Geldzulauf nicht sicher. Weil man nichts anderes anzubieten hat und von Geld abhängig ist, ist man gezwungen seine Arbeitskraft zu verkaufen. Die ist nur von Interesse, wenn sie dafür nützlich ist für die Vermehrung fremden privaten Geld-Reichtums in Anwendung gebracht zu werden. Und dies tut sie nur, wenn sie mehr hergibt als sie selbst kostet. Dieses Verhältnis schließt die Leute, die den Reichtum produzieren, immer mehr von diesem aus. Weil deren Bedürfnisse im Gegensatz zum Zweck dieser Privatwirtschaft stehen und immer mehr Armut hervorbringt, muss bei dieser wundervollen Arbeitsteilung auch noch das Eigentum von der Polizei geschützt werden: ohne sie gibt es dieses übrigens auch nicht. Um die Armut aufrechtzuerhalten braucht es diese Gewalt, die dieses Verhältnis aufrechterhält.

 

Aber die Befassung mit diesem gesellschaftlichen Verhältnis steht nach Uta Glaubitz auch gar nicht an. Leiden tut man an diesem Verhältnis gar nicht. Es ist erst mal so. An ihm soll sich nichts ändern. Wenn man dennoch leidet, kann man nur krank sein oder hat die falschen Erwartungen. Zum Glück kann man sich ja entscheiden, wo man arbeiten will.

 

Eine Sache bleibt aber dennoch merkwürdig:

 

„Der Chef ist gemein, der Leistungsdruck viel zu hoch, der Arbeitsmarkt ungerecht.“

 

Das hält unsere Uta für falsch. Nicht die moralischen Titel, die da in Anschlag gebracht werden. Sie bestreitet die sachliche Existenz dieser Härten. Aber das nur, weil diese kein Fehler der anderen sind (damit hat sie recht, wenn auch sie nicht weiter macht, wie der Satz noch richtiger wäre: der Chef ist der Gegner gerade weil er alles richtig macht; ihn und die gesellschaftlichen durchgesetzten Kalkulationen, die er exekutiert, gehören aus dem Weg geräumt), sondern ein Produkt der Natur, an dem man nichts ändern kann. Eines soll man aber ändern können: nämlich sich selbst. Der Unzufriedenheit oder dem Druck, dem man nicht standhält, soll man auf die Weise aus dem Weg gehen können, indem man sich Grenzen setzt. Dann ist eben der eine Job die Grenze. Woher kommt aber die der Grenze entgegenstehende Alternative? Der Mensch hat seine Lebensumstände ja nicht im Griff, ist den Bedingungen, die die Arbeit so hervorbringt, unterworfen. Wo soll man denn da bestimmen können, wann und womit man zurechtkommt? Wie soll man den Stress meiden können, wenn diese Frau doch für jede Arbeit als wesentliches Moment festhält, dass man sich für diese gut zu „polstern“ hat. Zwischen belastender und nicht belastender Arbeit kann man also gar nicht wählen, nur zwischen denen, die – nicht von der Natur, sondern – von kapitalistischen Unternehmen so zur Verfügung gestellt werden. Ob man von denen genommen wird, ist übrigens auch fraglich. Und damit auch der Lebensunterhalt.

 

Wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse also der eigenen Kontrolle entziehen (und selbst wenn man diese für ein quasi natürliches Verhältnis hält), warum soll dem eine Änderung des Ichs entgegenwirken?

 

Die gute Nachricht ist: Da das doch keine so natürliche Sache ist, kann man das Ganze auch loswerden. Das ist dann aber ein Kampf um die Macht über die Produktion. Statt sich bei seinem Vorgesetzten über den Druck zu beschweren oder sich nur von ihm zu wünschen er solle nachlassen, statt sich für die Arbeit zu rüsten und vergeblich zu hoffen sie damit erträglicher zu machen oder nach neuen vermeintlich besseren Gelegenheiten Ausschau zu halten, muss man den Dienst an fremden einem entgegenstehenden Interessen aufkündigen, um sich seine Lebensverhältnisse zu sichern.

2 Antworten zu “Bournoutgeschwätz: Uta Glaubnitz

  1. Der ideologische Konsens, in den dieses Gerede gehört, quillt aus tausend Mündern, die immer wieder in allen Medien darauf hinweisen, dass DU dein Leben bestimmen kannst – und niemand sonst. Mit diesem „It’s up to you“-Gefasel wächst nun schon die dritte Generation auf und rutscht so, statt in den Klassenkampf, in die Psychotherapie ab, weil sie meint, ihr hoffnungsloses Jammerdasein wäre eben selbstverschuldet und ließe sich durch ein bisschen Motivations-Coaching und Glückskekskrümel im Magerquark schon noch zum Guten wenden…

  2. Wie schlimm und unverständlich die Aussagen sich für manchen auch anhören möchten, für all die Misere ist niemand anders als der Mensch selbst verantwortlich. Es gibt keine Möglichkeit die Schuld auf irgendjemand oder irgendwas abzuschieben. Natürlich ist es nicht der einzelne, der groß etwas bewirken kann, aber er kann für sich etwas tun. Nämlich auszusteigen aus dem System – vielleicht nicht ganz, aber doch teilweise. Warum macht man überhaupt mit? Weil man schon von der Krippe auf in das System hineingepresst wird. Wer nicht funktioniert bleibt außen vor. Wer funktioniert und nicht nachdenkt, der läuft wie geschmiert als Rädchen mit. Wer funktioniert und nachdenkt, der kommt wie der Autor in eine moralisch-systembezogenes Dilemma, aus dem er ausbrechen will aber nicht kann. Warum? Weil sich beklagen und Schuld suchen nun einmal einfacher sind als Konsequenzen zu ergreifen. Die geforderten Konsequenzen sind mit Unbequemlichkeiten verbunden, auch Stress und einige andere genannte Faktoren tauchen am Anfang womöglich wieder auf. Sie können aber später verschwinden.

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